Dienstag, 3. April 2012

sick and tired

Meine drei Lieblings-Sprachbesserwissereien:

  1. Das Verb »auspowern« kommt von französisch »pauvre«, wird so gesprochen wie man es schreibt und bedeutet »einen Landstrich bis zur Verarmung ausbeuten«. Mit englisch »power« hat es nichts zu tun.
  2. »Jura« (das Fach, nicht die Gegend) ist ein Plural (von »Jus«). Es heißt daher nicht »in der Jura«, sondern »in den Jura«.
  3. »Ausgerüstet« kann zwei Bedeutungen haben: 1) mit etwas ausgestattet (von »ausrüsten«); 2) nicht mehr von einem Gerüst umgeben (von »ausgerüsten«; Gegensatz »eingerüstet«, von »eingerüsten«).

Samstag, 4. Februar 2012

noch mehr bauzeugs

Die Bautätigkeit in Marburg zeigt keine Anzeichen von Verlangsamung:

  • Im Studentendorf soll das bisherige Gemeinschaftshaus abgerissen und als Max-Kade-Zentrum neu errichtet werden. Dabei werden 49 neue Wohneinheiten entstehen. Außerdem ist wohl geplant, im Fuchspass ein neues Wohnheim zu bauen.
  • Das Fachmarktzentrum hier um die Ecke (»Neumarkt Nord«) steht kurz vor der Eröffnung, gerade wird der Parkplatz gepflastert, und die Bäckereifiliale ist sichtlich schon fertig eingerichtet.
  • In der Alten Kasseler Straße entsteht die Wohnanlage Campus III, Baubeginn schon dieses Jahr.
  • In der Neuen Kasseler Straße, die von der Ecke Bahnhofstraße bis zur Einmündung Mauerstraße lahnseitig halb fertig ist, finden derzeit weitere langwierige Kanalisationsarbeiten statt, aber die Verlegung einer Bushaltestelle deutet schon an, dass es nach der Winterpause dann mit dem losgeht, aus dem einmal der neue Bahnhofsvorplatz werden wird.
  • Auf den ersten neuen Flächen im Bahnhof selber haben ein McDonald's (umgezogen aus der Universitätsstraße) und der frühere Kiosk auf der linken Seite der Eingangshalle Platz gefunden. Die neuen Toiletten sind bis auf die Tür auch schon fertig, und auch die Bahnhofsbuchhandlung wird demnächst einen neuen Raum beziehen. Am Hausbahnsteig gehen dieser Tage die Arbeiten weiter. Bis zur fertigen Sanierung sämtlicher Bahnsteige kann es nach Andeutungen in der Presse allerdings noch ca. zwei Jahre (!) dauern.
  • Das Kongresszentrum der DVAG ist fertig, das Verwaltungsgebäude wird gerade innen fertig ausgebaut.
  • Der Neubau des Fachbereichs Chemie auf den Lahnbergen ist quasi rohbaufertig, der Neubau der Tumorforschung erreicht gerade die Oberkante des zweiten Stocks, das Dr.-Reinfried-Pohl-Zentrum für Medizinische Lehre (mit Kindertagesstätte) ist im Oktober in Betrieb gegangen und der Zuschlag für den Neubau für die Synthetische Mikrobiologie ist im November geschehen.
  • An der Einmündung Krummbogen/Bultmann-Straße wird das Abwasserpumpwerk saniert.Unspektakulär, aber notwendig. Vielleicht stinkt es hinterher dann nicht mehr so wie früher.
  • Bei der Neugestaltung des Umfelds der Elisabethkirche beginnt, da die Rettungsgrabungen jetzt abgeschlossen sind, nach der Frostperiode der vorletzte Bauabschnitt. Der letzte und heikelste, der Umbau des Firmaneiplatzes, wird wohl noch etwas auf sich warten lassen, da er in die Campusplanungen eingebunden werden soll. Vielleicht ändert sich da noch etwas gegenüber dem Wettbewerbsentwurf. Gegenüber soll jedenfalls ja der Haupteingang der neuen Zentralbibliothek sein, für die im Laufe dieses Jahres die Baufeldfreimachung beginnen soll, ab nächstem Jahr wird dann ausgehoben. Am Pilgrimstein wurden schon Leitungen verlegt und in diesem Zuge der blöde Radweg abgeschafft und statt dessen ein neuer breiter Gehweg mit Mischverkehr gebaut.
  • Das Hörsaalgebäude ist fertigsaniert und sieht richtig gut aus; auf der anderen Seite des Mühlgrabens soll zu ca. 2014 ein schicker Neubau für das Forschungsinstitut Deutscher Sprachatlas entstehen (Wettbewerb vor kurzem entschieden), und zwar dergestalt platzsparend, dass auf dem Rest des derzeitigen Parkplatzes irgendwann noch ein großes weiteres Institutsgebäude hinpasst.
  • Angeblich soll die Phil-Fak 2022 freigezogen sein. Wer's glaubt, wird selig.
  • Auch wenn die Oberhessische Presse in einer Online-Umfrage suggerieren wollte, der Beschluss sei noch nicht gefallen: die Vergabe für den Um- und Ausbau der Stadthalle läuft längst. Baubeginn 2013.
  • Das Kunstmuseum der Universität im Hülsenhaus hat geschlossen, weil die Außenhautsanierung, die in diesem Jahr beginnen soll, vorbereitet wird. Für die Innensanierung des stilistisch einmaligen Großbaus von 1927 gibt es leider noch keine Mittel, die Universität plant eine Spendenaktion.
  • Das neu gestaltete Außengelände der Mensa mit über 200 Sitzplätzen, diversen Rampen und Treppen ist weitestgehend fertig, es soll jetzt noch ein Kiosk oben auf der neuen Lahnterrasse entstehen. (Mir gefällt die Anlage übrigens ausnehmend gut - sehr skulptural mit den unterschiedlichen Winkeln, nirgendwo langweilig anzusehen, obwohl es sich letztlich doch bloß um eine Hochwasserschutzkonstruktion, ein paar Verkehrswege und ein paar Tische und Bänke handelt.)
  • Der »Garten des Gedenkens« in der Universitätsstraße nimmt schon Formen an - die skulpturale Stützmauer zum Hang hin ist weitgehend fertig.
  • Man sieht übrigens in den letzten Monaten, wenn mich mein Eindruck nicht ganz täuscht, auf der Talseite der Oberstadt viel mehr Baugerüste als sonst. Da wird renoviert was das Zeug hält, auch an schwierig zugänglichen Stellen.
  • Auf dem Fronhofgelände (zwischen KFZ und Savignyhaus) entstehen Eigentumswohnungen. Die alten Remisen werden durch die Stadt für die Nutzung durch die benachbarte Ubbelohdeschule saniert. Ursprünglich war einmal der Bau einer Sporthalle geplant, aber das war wohl rechtlich nicht durchsetzbar.
  • An der Ecke Friedrichstraße/Universitätsstraße sind Sanierung und Ausbau des Sozialamtsgebäudes abgeschlossen. Der Bau ist jetzt der größte Standort der Marburger Stadtverwaltung und die nicht furchtbar schöne Ecke dort wird durch die Neugestaltung doch erheblich aufgewertet.
  • Als langfristige Stadtreparatur kann man betrachten, dass der neue Bebauungsplan für den Streifen zwischen Universitätsstraße und Oberstadt vorsieht, dass die hässlichen hochterrassierten Betonbauten, wenn irgendwann abgängig, durch niedrigere Bauten ersetzt werden müssen. Außerdem soll der durchgehende Grünzug unterhalb der Barfüßerstraße wiederhergestellt werden.
  • Die schicke neue Aufstockung des Gebäudes neben den Unisport-Anlagen für die Sportwissenschaften ist jetzt auch eingeweiht worden.
  • Der Firmencampus des 3U-Konzerns auf dem ehemaligen Monopol-Gelände in der Südstadt nähert sich der Fertigstellung; dazu gehört auch das integrierte Solarkraftwerk mit den prägnanten Speichertürmen.

Dienstag, 31. Januar 2012

briefe an meine nichtleser iv

Liebes »free education movement marburg«,
ich gebe es zu: ihr seid ein leichtes Ziel für Spott. Ob das nun euer Newsletter ist, der 150prozentiges Klischee-Marburgertum mit der Tierschutzbeflissenheit und typographischen Verunglücktheit einer Schülerzeitung verbindet, ob das die restringierte Sprache eurer Verlautbarungen ist, die den Eindruck macht, dass kein Satz vorkommen darf, der nicht in einer Frequenzanalyse sämtlicher hochschulpolitischer Mensaflyer der letzten zehn Jahre hoch abschneiden würde, oder schlicht eure extrem unglücklich gewählte Domain freedumm.de.vu.
Aber gerade deswegen gilt, dass ihr und eure Äußerungen als besonders repräsentativ für das gelten könnt, was ich der Einfachheit halber einmal als »den ganzen Unfug« bezeichnen möchte. In eurem neuesten Newsletter kann man letzteren in Reinkultur besichtigen, in einem aus rein gar nichts als recycelten Phrasen bestehenden Grundlagentext namens »Scheiß auf Nation!«, der mit dem wohl tatsächlich ernst gemeinten Untertitel »Ansatz der Dekonstruktion eines Konstrukts« daherkommt und einen atemberaubenden Einblick in die Untiefen des Denkens weiter Teile des Marburger hochschulpolitischen Milieus bietet. Aus diesem Text, der das ja eigentlich rundum lobenswerte Ziel verfolgt, zu zeigen, dass Nationalstaaten eine fragwürdige Errungenschaft sind, kann man lernen, dass:
  • die Aufforderung »Scheiß auf Nation!« eine Aussage sei und
  • als provokativ empfunden werde (wo? an der Marburger Universität? meint ihr das ernst?);
  • Menschen zu »zufälligen Gegebenheiten« »keine engere Bindung entwickeln« müssten (in Zukunft also nur noch arrangierte Ehen und keine Liebe mehr für zugelaufene Haustiere);
  • beim »heutigen Stand der Technik« »niemand auf der Erde mehr (ver)hungern« müsste und »alle ein gutes Leben haben« könnten, wenn wir nur »gemeinsam über die Produktionsmittel verfüg[t]en« sowie die »moderne Gesellschaft als ein Feld widerstreitender Interessen und Akteure« begriffen werden könne (gut, dass das alles endlich mal jemand sagt);
  • Staaten »die Bedingungen erschaff[t]en und durchsetz[t]en, die das kapitalistische Wirtschaften zur Folge haben« (da war doch mal was mit Dialektik...);
  • dass das Stabilitätsgesetz von 1967 irgendwie dazu diene, die Bevölkerung zufrieden zu stellen und damit das Privateigentum zu sichern;
  • die Finanzkrise seit Kurzem vorbei sei;
  • »die überwiegende Mehrheit unter immer beschisseneren Lebensbedingungen« leide, wahrscheinlich, weil der »immer stärker werdende Druck, welcher vom Spiel des globalen Wettbewerbs entfaltet wird[, ...] uns alle krank macht« - deswegen wahrscheinlich auch die seit Jahrzehnten stetig fallende Lebensarbeitszeit und die stetig steigende Lebenserwartung;
  • Staat und Nation in Krisenzeiten besonders bejubelt würden und »die Menschen während wirtschaftlicher Krisen besonders dazu tendier[t]en, sich in nationale Kollektive einzufügen« (ist es verabscheuenswürdiger Positivismus, hier nach Belegen zu fragen?);
  • jede Abgrenzung zwischen Völkern rassistisch sei - die rein sprachliche Abgrenzung, die z.B. vor 1918 in Österreich-Ungarn Staatspraxis und bis mindestens 1945 weithin beliebt war, also ebenfalls, man höre und staune; aber auch »Rasse« sei ja bloß ein rassistisches Konstrukt (konstruiert vermutlich in der Redundanzabteilung für Redundanz);
  • es an den Hochschulen nur noch um »hochschulische Ausbildung« gehe - der beispiellose Boom geisteswissenschaftlicher Studiengänge in Deutschland in den letzten 10-15 Jahren muss wohl daran liegen, dass dort so viele unmittelbar berufsrelevante Inhalte gelehrt werden, dass die AbsolventInnen dann direkt fit für den mörderischen Arbeitsmarkt (Zitat: »Horror«) sind;
  • Sprache, Geschichte und Kultur nichts seien als »irgendwelche belanglosen Worte in noch belangloseren Dokumenten«.
Und dieser letzte Satz erscheint mir dann doch irgendwie wieder passend.
Viele Grüße
m.

Samstag, 7. Januar 2012

die menschmaschine

Schön mit Speed einen Berg runterfahren, sanft einbremsen, an der ersten Ampel hinter dem Ortsschild sauber einordnen, ganz runterbremsen - und dann sauber und vor Publikum seitwärts umfallen.
Sie sahen die erste Folge von »Klickpedale im Stadtverkehr«. Ich hab mir links einen Finger etwas angestaucht und rechts tut der Handballen weh, aber es blutet nicht und gebrochen hab ich mir auch nix.

Daran, dass ich jetzt endlich wieder Zeit habe, mich mit dem Fahrrad auf die Schnauze zu legen, sieht die erfahrene Leserschaft übrigens, dass es mit der Abgabe meines ersten Kapitels geklappt hat. Die nächsten Deadlines drohen/locken aber schon.

Montag, 19. Dezember 2011

phänomenologischer zwischenfall

Heute habe ich Natascha getroffen und war mit ihr »was trinken«, wie man so schön sagt; in meinem Fall habe ich einen Chai-Tee bestellt, weil ich keinen Kaffee wollte, es für Glühwein zu früh war und der schwarze Tee in der Gastronomie erfahrungsgemäß meistens mies ist. Das Getränk wurde vor mich hingestellt, während ich wegsah; da war eine große Untertasse und darauf eine Tasse, die so stand, dass ich den Henkel nicht sehen konnte. Automatisch drehte ich die Tasse mit der linken Hand, um zu sehen, wo der Henkel war, und ihn gleichzeitig quasi in die bereits zum Greifen bereitgehaltene rechte Hand hinein zu drehen.
Da war kein Henkel. Die Tasse war rotationssymmetrisch und mithin ein Becher. Diese Art von kognitivem Ins-Leere-Treten ist wahrscheinlich das, was der späte Peirce unter Abduktion versteht.
Unpraktisch war das Ding übrigens auch noch - wie soll man denn aus einem henkellosen Steingutbecher vernünftig etwas Heißes trinken können?

Sonntag, 18. Dezember 2011

muddy waters

Ich habe jetzt ein eigenes Büro, darin eine nagelneue Teemaschine und ein nagelneuer iMac. Und noch optimistisch gerechnet sechs Tage, um das erste Kapitel meiner Dissertation fertigzustellen. Mein Zimmer und das Prellblog werden zusehends vernachlässigt; der linke große Zeh ist etwas ramponiert und hier liegt ein Paar Fahrradschuhe herum, die ich immer noch nicht ausprobiert habe.
Ansonsten kann ich mittlerweile schon halbwegs brauchbar obligat Orgel spielen, wenn auch nur ganz langsam und unter derartiger Anstrengung, dass ich alle vier Takte das Gefühl habe, mich erst mal fünf Minuten hinlegen zu müssen.

Donnerstag, 3. November 2011

bauzeugs

Ich wollte eben etwas über die baulichen Neuigkeiten in der Nordstadt schreiben und mit einem Satz wie diesem beginnen: »Beim hinteren Teil des nahezu abbruchreifen Hinterhauses Ecke Eisenstraße, das eine türkische Unternehmerfamilie zu einem ansehnlichen Mehrfamilienhaus umbaut, wird schon das Dach gedeckt.«
Was ist an diesem Satz falsch und lässt mich über meine eigenen Vorurteile nachdenken? Nicht das »türkisch« - das halte ich auch im Sinne von »türkischstämmig« für richtig, ich bin ja auch kein pfälzischstämmiger Deutscher und »Italian Americans« sind selbstverständlich vollgültige Amerikaner. Das Problem ist das Wort »Unternehmerfamilie«. Das klingt tribal und südländisch, nach Schwarzarbeit und ganz vielen Cousins, die auf dem Bau mithelfen. Nur ist das mit der Schwarzarbeit und den Cousins bei Ethnodeutschen nicht groß anders, auch wenn das dann häufig keine Cousins, sondern irgendwelche Vereinskumpane oder Hartz-IV-beziehende Schwager sind. Aber bei denen sagt man nicht »Unternehmerfamilie«, sondern »Familienunternehmen«. (Google wirft für »türkische unternehmerfamilie« in der Tat 526 Treffer, für »türkisches familienunternehmen« nur 351.)

In other news:

  • Das Haus gegenüber der neuen DVAG-Zentrale, an das sich hinten das komplett runderneuerte und aufgestockte Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth anschließt, bekommt im Erdgeschoss, wo ein Haushaltswarengeschäft einer Begegnungsstelle weicht, seine alte Fassade wieder. Gerade wird der Sandsteinsockel erneuert. Damit haben jetzt, seit ich darauf achte, schon mindestens zwei Gebäude in der Bahnhofstraße ihre hässlichen kastigen Vordächer, Leuchtreklamen und Schaukästen verloren. Ich hoffe, der Trend bleibt stabil.
  • Das Chemikum hat ein neues Portal bekommen (notgedrungen, weil der Sockel so hoch ist, dass man einen Einschnitt machen musste, um einen barrierefreien Eingang hinzukriegen, ohne die halbe Fassade mit einer Rampe zu verschandeln). Auf der Simulation sah es aus, als solle es mit buntem Glas oder Keramikplatten verkleidet werden, aber nein, es ist Kupfer! Das ist ja mal edel.
  • Die Baustelle Neue Kasseler Straße wird bald auf die andere Seite springen, mittlerweile wird rechts schon der Bürgersteig gepflastert.
  • Neue Container vor dem Bahnhof lassen vermuten, dass bald auch in der Bahnhofshalle die Baustelle auf die andere Seite übergreift. Demnächst muss man wahrscheinlich zwischen zwei Zäunen im Gänsemarsch zur Unterführung watscheln.