Dienstag, 23. November 2010

terrorterror

Um gleich vorweg eines klarzustellen: Ich bin nicht der Meinung, dass irgend jemand das Recht zum gewaltsamen oder gar bewaffneten Widerstand gegen einen aktionsfähigen Staat mit einer demokratischen Verfassung, funktionierendem Minderheitenschutz, Versammlungsfreiheit und freier Presse hat. Das weite Spektrum von Protestformen zwischen Großdemonstration und dem Anzünden von Autos muss man hier differenziert betrachten, dazu will ich mich nicht im Detail äußern. Was zählt ist: Vor diesem Hintergrund ist die Bekämpfung von Terrorismus selbstverständlich nichts anderes als eine sehr spezielle und sehr wichtige Form der Verbrechensbekämpfung, nicht mehr und nicht weniger. Wer betrunken Passanten totfährt oder wer sein eigenes Kind verhungern lässt, führt weniger Tode herbei als jemand, der einen vollbesetzten Nahverkehrszug sprengt, aber kategoriell ist kein Unterschied gegeben.
Entsprechend sollte auch politisch und medial damit umgegangen werden. Und medial hieße die beste Umgangsform eigentlich: ignorieren. Es gibt meines Erachtens kein öffentliches Interesse an einer Berichterstattung über Kriminalität, es sei denn, diese diene tatsächlich der Gefahrenabwehr (wenn beispielsweise vor einem flüchtigen Gefangenen oder einem Serientäter gewarnt wird) oder der Gewinnung relevanter Erkenntnisse der Gesellschaft über sich selbst (wenn beispielsweise durch Kriminologen erhoben wird, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen signifikant überdurchschnittlich oft Täter oder Opfer bestimmter Arten von Straftaten sind). Es gibt kein öffentliches Interesse an einer Berichterstattung über bedeutungslose »Bedrohungsniveaus«, wenn sich damit keinerlei konkrete Handlungsempfehlungen verbinden. Statt »es wird vielleicht einen Anschlag geben, aber leben Sie einfach weiter wie bisher« sollte ein Innenminister besser gar nichts sagen. Es gibt auch kein öffentliches Interesse an einer Berichterstattung über gescheiterte Attentatsversuche oder über die nationale, ethnische, religiöse oder sonstige Einordnung von Tätern, genauso wenig wie an einer Berichterstattung über Einbrüche, Morde, Geschwindigkeitsübertretungen und so weiter. Soweit ich dies irgendwie einschätzen kann, ist der Schaden, der durch die Medienberichterstattung zu Verbrechen hervorgerufen wird, um ein Vielfaches größer als der mögliche Nutzen.
Hier schließt sich allerdings der Kreis: in einer Gesellschaft mit funktionierendem Minderheitenschutz, Versammlungsfreiheit und freier Presse muss man manchmal eben auch irrationales Verhalten von Akteuren aushalten. Man kann nutzlose, irritierende, Panik verursachende Berichterstattung über Verbrechen oder potenziell geplante Verbrechen nicht verbieten. Ich hoffe einfach, dass es irgendwann einen Konsens der Medien geben wird, hierüber nicht mehr zu berichten, wie es ja auch seit einiger Zeit einen immer weiter wachsenden, weithin respektierten Konsens darüber gibt, dass man über spektakuläre Selbstmorde nicht mehr berichten sollte, um keine Trittbrettfahrer zu motivieren.
In der Zwischenzeit aber sollte wenigstens die Regierung es unterlassen, das Geschäft der Boulevardpresse zu betreiben.

Kommentare:

  1. Wie immer streitbarer Standpunkt :)
    Prinzipiell gibt es aber auch gute Gründe für Medienberichterstattung über Verbrechen: das Strafrecht ist als Recht in einer Demokratie prinzipiell eine öffentliche Sache, dementsprechend sollten die Fakten zu Straftaten auch öffentlich behandelt werden. Wie gesagt die Fakten. In eine ähnliche Richtung argumentierst du ja auch. Allerdings schränkst du die Fakten über die legitimerweise berichtet werden sollte ein - warum? Warum soll die Presse denn nur über wissenschaftliche Erkenntnisse berichten, etwa weil die vermeintlich objektiver sind?
    Um nur eins klar zu stellen: ich habe auch erhebliche Probleme mit der Berichterstattung einiger Medien im Zusammenhang mit den Terrordrohungen die der Innenminister ausgemacht haben will. Im Kern ist mein Problem aber, dass niemand wirklich Fakten auf den Tisch legt. Alles worüber berichtet wird stammt aus unbekannten Quellen die niemand, ich schon gar nicht, nachprüfen kann. Das schließt übrigens die Warnung des Innenministeriums ein.

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  2. Im Prinzip ist gegen die Nennung von Fakten nichts einzuwenden, aber bereits die Selektivität, die sich dadurch ergibt, dass Fakten über Kriminalität als pressewürdig gelten, Fakten über die weithin reichende Abwesenheit von Kriminalität jedoch nicht, führt zu verzerrten Wahrnehmungen. Die breite Bevölkerung ist meines Wissens der Meinung, dass die Kriminalität in Deutschland, insbesondere die sexuelle, und darunter insbesondere jene gegen Kinder und Jugendliche, in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen hat, was nicht nur falsch, sondern gefährlich ist.

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