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Montag, 18. Mai 2015

nachtrag

Von David Foster Wallace, Gott hab ihn selig, gibt es einen populären Text namens »This is Water«, der unter anderem thematisiert, dass es Bildung (und, worauf mich Judith hinweist, Erziehung) ist, die es uns erlaubt, über die Fixiertheit auf uns selber hinwegzukommen und anzuerkennen, dass nicht alles, was unseren unmittelbaren Interessen zuwiderläuft, böswillig gegen uns gerichtet ist. Wenn das so ist (und ich finde, es spricht vieles dafür), dann sind die Leute, die regelmäßig und in irrstmöglicher Weise Theorien aufstellen, denen zufolge Straßen, Plätze, Kanalisationen, Bahnstrecken usw. absichtlich langsamer als möglich umgebaut werden, einfach ungebildet und/oder schlecht erzogen.

Montag, 11. Mai 2015

wunschpunch

Jenny Schröer, Mitstreiterin aus uralten Jugendpartizipationszeiten, hat mich bei Facebook auf einen Essay von Nils Markwardt bei der Online-Zeit zur Rezeption der derzeitigen Streiks in Deutschland hingewiesen. Das darin enthaltene Theoretiker*-Namedropping und der stellenweise durchkommende hochschullinke Jargon sind m.E. unnötig, aber das macht nichts. Was der Essay vor allem enthält, sind zwei wunderbare zitierwürdige Stellen:
Die SPD agiert momentan also ungefähr so sozialdemokratisch wie Ayn Rand beim Restpostenverkauf.
Und:
Der Staat firmiert bei vielen Bürgern als politische Wunschmaschine, in dessen Maschinenraum man aber lieber keinen Blick werfen will.
Insbesondere letzteres Zitat drückt präzise einen Gedanken aus, den ich regelmäßig habe, vor allem, wenn ich Kommentare unter Online-Presseartikeln zu kommunalpolitischen oder auch lokalwirtschaftlichen Themen lese. Die Männer*, die da schreiben, haben keine Hemmungen, vom Staat (interessanterweise meistens von der Kommune) die Lösung buchstäblich aller Alltagsprobleme zu verlangen. Wenn auf der Straße Betrunkene herumschreien, greifen die Leute heute nicht mehr zum Wassereimer oder rufen die Polizei, sondern rufen nach der Politik, damit diese das Problem prinzipiell und grundlegend lösen möge. Wenn es an billigen Wohnungen mangelt, gründet man keine Spar- und Bauvereine oder Wohnungsbaugenossenschaften mehr, sondern beschimpft den Staat dafür, dass er die (immer wenigen, immer persönlich genannten, immer als »Spekulanten« verteufelten) Privatinvestoren nicht vom Bauen abhält.
Was meine alte Heimat Marburg betrifft, konnte man in der Oberhessischen Presse online schon Leser*meinungen sehen, die die Stadt für den Mangel an Diskotheken oder bestimmten Einzelhandelsgeschäften verantwortlich machten. Andererseits beschwert man sich – bis hoch zu Spitzenkandidaten* der Parteien für die kommende OberbürgermeisterInnenwahl – gleichzeitig über die schlechten Straßen und die vielen Straßenbaustellen. (Dass man gegen Bauprojekte protestiert, weil sie während der Bauzeit Behinderungen verursachen, selbst wenn man sich den Endzustand wünscht, ist ohnehin überall völlig üblich.) Sogar verschwörungstheoretische Elemente kommen hoch, wenn etwa gemutmaßt wird, die rotgrüne Stadtverwaltung plane die Baustellen absichtlich so, dass der Autoverkehr behindert werde, um den Bürgern* das Autofahren abzugewöhnen.
Gleichzeitig aber – und auch das thematisiert Markwardts Essay – halten die Kommentatoren gerne das Fähnchen des hart arbeitenden (und weit pendelnden!) Pflichtmenschen hoch, der nie auf die Idee käme, zwecks Durchsetzung einer Forderung die Arbeit einzustellen oder zwecks politischen Engagements mal eine Stunde früher Feierabend zu machen, und der in alle Richtungen wahllos andere der Faulheit und des Anspruchsdenkens bezichtigt. Die Metapher von der Wunschmaschine trifft es genau: »Der Staat« bzw. »die Politik« (Zuständigkeiten werden grundsätzlich nicht differenziert, man beschimpft beispielsweise einen Baubürgermeister wegen Ordnungsamtsangelegenheiten, die gar nicht in sein Ressort fallen) soll alles richten, aber ohne eigenes Engagement, das über Nörgelei hinausginge, und ohne irgend eine Rücksicht auf Interessenausgleich mit anderen, Machbarkeit oder die tatsächliche politische Gemengelage. Nur so ist es möglich, »die Politik« des Nichtstuns, des Desinteresses und der Inkompetenz zu bezichtigen und gleichzeitig Streikende, Demonstrierende oder auch nur parteipolitisch engagierte pauschal zu diffamieren.
Ich kenne mich mit Psychoanalyse nicht aus, aber es gibt da bestimmt einen Fachterminus für die Situation, in der jemand von einer Übervater- oder -Mutterfigur die Lösung seiner Lebensprobleme verlangt und daran notwendig scheitert. Das, was dies in der deutschen Situation hervorbringt, wird normalerweise als Politikverdrossenheit oder Wutbürgertum beschrieben. Es ist die enttäuschte Abwendung derer vom Staat, die sich nie von ihm abnabeln konnten.

*maskuline Form Absicht

Dienstag, 21. April 2015

tu, felix iena

Ein kleiner Park vor einer Stadtvilla aus dem 18. Jahrhundert. Strahlender Sonnenschein. Vor einer überlebensgroßen Statue von Albertus Magnus eine Wiese voller Gänseblümchen, darauf im Kreis sitzend die Kollegin P. mit ihrem Seminar.
Das glaubt mir zuhause ja keiner, wie das hier aussieht. So muss sich Klein-Fritzchen vorstellen, wie es ist Philosophie zu studieren.

Sonntag, 29. März 2015

nie besser als spät

Drei Tage vor meinem Wegzug aus Marburg war ich heute zum ersten Mal im Kunstverein. Das sind ja wirklich schöne und auch große Räume, und die derzeitige Ausstellung (»Angesicht« von Johannes Heisig, überwiegend großformatige Porträts) lohnt sich auch. Da hätte ich die letzten zwölfeinhalb Jahre vielleicht mal öfter hingehen sollen.

Sonntag, 18. Januar 2015

nie mehr mitmeinen


Es ist mittlerweile hinlänglich bekannt, dass es kein funktionierendes generisches Maskulinum gibt. In meiner Dissertation (Veränderung in Zeichen, Münster 2015, i.V.) habe ich am Ende der Einleitung folgende Fußnote stehen:
Ich halte es für eine empirisch belegbare Tatsache, dass die deutsche Sprache als Männersprache entstanden und in weiten Teilen noch heute eine Männersprache ist; vgl. hierzu z. B. allgemein Luise F. Pusch: Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984 (Edition Suhrkamp 1217); zum empirischen Aspekt Susanne Oelkers: »Der Sprintstar und ihre Freundinnen«. Ein empirischer Beitrag zur Diskussion um das generische Maskulinum, in: Muttersprache 106 (1996), Nr. 1, S. 1–15. Anstrengungen, diesen Zustand zu verändern, halte ich für sinnvoll und geboten, wobei ich anerkenne, dass es nicht möglich ist, in einer völlig „gerechten Sprache“ zu schreiben. Das Verwenden von ausführlichen Beidformen („Philosophinnen und Philosophen“) oder typographisch innovativen, mehr oder minder politisch konnotierten Kurznotationen („PhilosophInnen“, „Philosoph_innen“, „Philosoph*innen“), wo ursprünglich maskuline oder feminine Nomina standen, könnte den Anschein entstehen lassen, hier würde lediglich ein rituelles grammatisches Lippenbekenntnis zur Geschlechtergerechtigkeit veranstaltet. Ich habe versucht, fragliche Textstellen so weit wie möglich durch Umformulierung genusneutral zu machen und wechsle ansonsten zwischen maskulinen und femininen Formen.
Wer mag (von einer Person weiß ich es), darf mich gerne damit zitieren.
Es ist übrigens erstaunlich oft möglich, neutral zu formulieren, ohne überhaupt Pronomina oder Endungen zu verwenden, die maskulin oder feminin sind. So lässt sich z.B. (um nur ein Beispiel geben) statt »Der Leser eines Romans kann...« einfach schreiben »Wer einen Roman liest, kann...«

Dienstag, 18. November 2014

ich will:

Es endlich hinter mir haben.
Und das geht nicht mehr.
Seit ich denken kann, gab es immer etwas, was ich hinter mir haben wollte und konnte: Abitur, Zivildienst, Studium, Abschlussarbeit, Prüfungen, Auswahlverfahren, Doktorarbeit. Aber jetzt habe ich das hinter mir; und weil ich mich nicht habilitieren will und genug vom Hürdenlaufen habe, gibt es nichts mehr zum Hinter-mich-Bringen. Nach 33 Jahren muss ich anfangen mir zu überlegen, wie ich in einer Weise leben will, die nicht mehr provisorisch ist; und jetzt und hier die Ruhe finden, die ich immer hinter der letzten Hürde finden wollte, weil ich jetzt verdammt nochmal hinter der letzten Hürde stehe.
Das ist gar nicht mal so einfach! Aber ich bin dran.

Donnerstag, 6. November 2014

Freitag, 29. August 2014

update

Ich habe am 3. Juli meine Dissertation verteidigt. Die Zukunft ist offen, aber unklar. Mit der Selbstständigkeit geht es in kleinen Schritten voran, da kommt aber immer wieder einiges dazwischen.
Ich weiß nicht, wo ich in einem Jahr sein werde und wovon ich leben werde, aber insgesamt sieht es gerade nicht schlecht aus.

Samstag, 12. April 2014

aber sonst

Ich hatte ja mal promotionsbedingt längere Zeit aufgehört, Facebook-Statusupdates zu schreiben. In dieser Zeit habe ich das Schönste aus meiner ganzen vorausgehenden Produktion an ephemerem Quatsch zu einer kleinen Sammlung zusammengetragen, die vielleicht einigen von euch Freude macht: mawas kompendium.

ernsthaft jetzt

Ich hatte versprochen, mich wieder öfter zu melden. Bisher hat das jetzt nicht so gut geklappt. Zur Erklärung: Da mein Stipendium zwei Tage nach Abgabe meiner Dissertation ausgelaufen ist, bin ich jetzt endgültig haupttätiger Freiberufler. Meine Miete und meinen jetzt erschreckend hohen Krankenkassenbeitrag zahle ich von meinen Honoraren als Assistent der Geschäftsführung der Deutschen Gesellschaft für Philosophie und als Redakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (die trotz der ähnlichen Namen nichts miteinander zu tun haben). Ansonsten arbeite ich als Korrektor, Lektor, Setzer, Fachgutachter, Autor und so weiter für Verlage und Privatpersonen, gebe für Institutionen, die so etwas brauchen, Kurse in Typografie und LaTeX, und nicht zuletzt bin ich weiterhin Lehrbeauftragter an der  hiesigen Universität.* Es hat sich leider bisher noch keine Form von Normalität eingestellt, die mich finanziert und mir gleichzeitig regelmäßig Zeit und Anlass zum Bloggen gibt. Aber ich gebe mir Mühe, das irgendwann einmal herbeizuführen.

*Anders formuliert: Wenn jemand von euch aus irgend einem Grunde einen Korrektor, Lektor, Setzer, Fachgutachter, Autor, Typografie- oder LaTeX-Trainer oder schlicht einen Philosophiedozenten brauchen sollte – ihr wisst, wo mein Kontaktlink ist.

Mittwoch, 26. März 2014

niedertracht

Es gibt ein deutsches »Qualitätsmedium«, für das in meinem Herzen eine besonders finstere Ecke reserviert ist, und das ist die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Weil es mir einfach keine Ruhe ließ, habe ich mal mein Standardbeispiel dafür, warum die FAS so schlimm ist, nachrecherchiert. Ich zitiere:
Glücklich waren auch alle sogenannten Homosexuellen. Das Bundesverfassungsgericht kam nämlich zu dem Schluss, dass ihre sogenannte Schlechterstellung in Partnerschaften im Vergleich zu normalen Ehen verfassungswidrig sei und deswegen der Gesetzgeber bei der Erbschaftsteuer die Privilegierung der Ehe abschaffen müsse. Freilich bleibt erstaunlich, mit welcher Hingabe sich eine demographisch quasi so gut wie zum Tode verurteilte Gesellschaft mit einem für ihren Fortbestand irrelevanten Thema befasst[.]
Wagner, Richard: Das war's. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 33/2010 (22.08.2010), S. 12.
Der dort schreibende Richard Wagner ist übrigens nicht der Richard Wagner, der mit Thea Dorn zusammen das (unbesehen ganz sicher völlig unsägliche) Buch Die deutsche Seele verfasst hat, sondern zehn Jahre jünger und auch mal Kommunikationschef der Bertelsmann-Stiftung gewesen. So ist das eben in der »freiheitlich demographischen Grundordnung« (Kursbuch, 1975).

Donnerstag, 6. Februar 2014

Ich habe am 29. Januar meine Dissertation abgegeben. In Zukunft möchte ich versuchen, hier wieder etwas mehr Content zu produzieren. Mal schauen.

Sonntag, 5. Januar 2014

klingelingeling

Das mawalog wünscht allen Leserinnen und Lesern rückwirkend frohe Weihnachten und einen guten Start ins neue Jahr. Es mag den/die eineN oder andereN interessieren, dass ich, sofern mir vorher nicht der Himmel auf den Kopf fällt, am 29. Januar meine Dissertation einreichen werde. Danach ist es wieder einmal Zeit für die Pflege vernachlässigter zwischenmenschlicher Beziehungen ebenso wie vernachlässigter Blogs.

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Mehr zum Thema »...und das machen die in der Philosophie den ganzen Tag?«

ftw

Spikes drauf, jetzt soll's gefälligst mal schneien.
Mit der Diss läuft es übrigens auch ganz gut.

Freitag, 25. Oktober 2013

schade, dass...

...ich keine elektronische Einführung in den frühen deutschen Idealismus herausbringe. Sonst könnte ich sie »E-Manual Kant« nennen.

Freitag, 11. Oktober 2013

gaspreis

Das Jahr 1990 war ein spannendes und schlimmes Jahr für mich als Kind, unter anderem deswegen, weil damals im Spätsommer in der so genannten »Aktion Lindwurm« über 100 000 Giftgasgranaten aus einem Depot bei Clausen, 40 Kilometer Luftlinie von meinem Elternhaus entfernt, unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen zur Vernichtung abtransportiert wurden. Ungefähr um dieselbe Zeit begann die großangelegte Munitionsräumung auf dem Gebiet der ehemaligen Giftgasfabrik Espagit bei Hallschlag in der Vulkaneifel, die zwanzig Jahre dauern sollte. Dass gleich an zwei Orten meines Heimatlandes die Einwohnerschaft darauf vorbereitet sein musste, bei Sirenenalarm Gasschutzhauben anzuziehen, prägte sich mir tief ein, und die Berichte auf Südwest 3 habe ich 23 Jahre später immer noch vor Augen. Der erste Golfkrieg lag gerade zwei Jahre zurück, der Imhausen-Prozess lief, Saddam Husseins, Muammar al-Gaddafis und sonstige Gasarsenale waren tägliches Pressethema.
Seit ich zum ersten Mal davon gehört habe, dass die Vernichtung nahezu aller größeren C-Waffen-Bestände der Welt nicht nur beschlossen wurde, sondern tatsächlich auch seit Jahren effektiv umgesetzt wird, erzähle ich gerne anderen Leuten davon. Kaum jemand weiß das nämlich. Das wird sich mit der heutigen Vergabe des Friedensnobelpreises für die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) sicher ändern. Und das ist gut. Denn dass sich irgendwann keine Achtjährigen mehr im tiefsten Frieden davor fürchten müssen, dass man lastwagenweise Kampfstoffe durch ihr Dorf fährt, ist nur die kleinste und unwichtigste Facette dieses größten Abrüstungsprogramms der Menschheitsgeschichte.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

nachts im musentempel

Das Licht im B-Turm, Westseite, 3. Stock. Das sind meine Dissertation und ich und unsere imaginären Freunde.

Freitag, 4. Oktober 2013

zwei herüberrettungen von facebook

  1. - »Wäre besser, wenn du schon mal deinen Helm holtz.«
    - »Warum?«
    - »Weil ich gleich Ernst mach!«
  2. Ich war ungefähr zwei Monate lang Mitglied in der Facebook-Gruppe »StipendiatInnen & Ehemalige der Förderwerke« und habe dadurch auch mal im Querschnitt das erlebt, woraus sich nach Meinung vieler später mal die deutschen Eliten rekrutieren sollen. Seitdem bin ich froh, dass Frankreich die Atombombe hat. Und überlege, ob man Polen nicht auch eine geben sollte, nur so zur Sicherheit.
    I.e.: Was die Antideutschen in zehn Jahren Marburg nicht geschafft haben, schafft ein Häuflein unerschrockener, nie darum, sich um Kopf und Kragen zu reden, verlegener Polohemdenträger in acht Wochen.