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Montag, 11. Mai 2015

wunschpunch

Jenny Schröer, Mitstreiterin aus uralten Jugendpartizipationszeiten, hat mich bei Facebook auf einen Essay von Nils Markwardt bei der Online-Zeit zur Rezeption der derzeitigen Streiks in Deutschland hingewiesen. Das darin enthaltene Theoretiker*-Namedropping und der stellenweise durchkommende hochschullinke Jargon sind m.E. unnötig, aber das macht nichts. Was der Essay vor allem enthält, sind zwei wunderbare zitierwürdige Stellen:
Die SPD agiert momentan also ungefähr so sozialdemokratisch wie Ayn Rand beim Restpostenverkauf.
Und:
Der Staat firmiert bei vielen Bürgern als politische Wunschmaschine, in dessen Maschinenraum man aber lieber keinen Blick werfen will.
Insbesondere letzteres Zitat drückt präzise einen Gedanken aus, den ich regelmäßig habe, vor allem, wenn ich Kommentare unter Online-Presseartikeln zu kommunalpolitischen oder auch lokalwirtschaftlichen Themen lese. Die Männer*, die da schreiben, haben keine Hemmungen, vom Staat (interessanterweise meistens von der Kommune) die Lösung buchstäblich aller Alltagsprobleme zu verlangen. Wenn auf der Straße Betrunkene herumschreien, greifen die Leute heute nicht mehr zum Wassereimer oder rufen die Polizei, sondern rufen nach der Politik, damit diese das Problem prinzipiell und grundlegend lösen möge. Wenn es an billigen Wohnungen mangelt, gründet man keine Spar- und Bauvereine oder Wohnungsbaugenossenschaften mehr, sondern beschimpft den Staat dafür, dass er die (immer wenigen, immer persönlich genannten, immer als »Spekulanten« verteufelten) Privatinvestoren nicht vom Bauen abhält.
Was meine alte Heimat Marburg betrifft, konnte man in der Oberhessischen Presse online schon Leser*meinungen sehen, die die Stadt für den Mangel an Diskotheken oder bestimmten Einzelhandelsgeschäften verantwortlich machten. Andererseits beschwert man sich – bis hoch zu Spitzenkandidaten* der Parteien für die kommende OberbürgermeisterInnenwahl – gleichzeitig über die schlechten Straßen und die vielen Straßenbaustellen. (Dass man gegen Bauprojekte protestiert, weil sie während der Bauzeit Behinderungen verursachen, selbst wenn man sich den Endzustand wünscht, ist ohnehin überall völlig üblich.) Sogar verschwörungstheoretische Elemente kommen hoch, wenn etwa gemutmaßt wird, die rotgrüne Stadtverwaltung plane die Baustellen absichtlich so, dass der Autoverkehr behindert werde, um den Bürgern* das Autofahren abzugewöhnen.
Gleichzeitig aber – und auch das thematisiert Markwardts Essay – halten die Kommentatoren gerne das Fähnchen des hart arbeitenden (und weit pendelnden!) Pflichtmenschen hoch, der nie auf die Idee käme, zwecks Durchsetzung einer Forderung die Arbeit einzustellen oder zwecks politischen Engagements mal eine Stunde früher Feierabend zu machen, und der in alle Richtungen wahllos andere der Faulheit und des Anspruchsdenkens bezichtigt. Die Metapher von der Wunschmaschine trifft es genau: »Der Staat« bzw. »die Politik« (Zuständigkeiten werden grundsätzlich nicht differenziert, man beschimpft beispielsweise einen Baubürgermeister wegen Ordnungsamtsangelegenheiten, die gar nicht in sein Ressort fallen) soll alles richten, aber ohne eigenes Engagement, das über Nörgelei hinausginge, und ohne irgend eine Rücksicht auf Interessenausgleich mit anderen, Machbarkeit oder die tatsächliche politische Gemengelage. Nur so ist es möglich, »die Politik« des Nichtstuns, des Desinteresses und der Inkompetenz zu bezichtigen und gleichzeitig Streikende, Demonstrierende oder auch nur parteipolitisch engagierte pauschal zu diffamieren.
Ich kenne mich mit Psychoanalyse nicht aus, aber es gibt da bestimmt einen Fachterminus für die Situation, in der jemand von einer Übervater- oder -Mutterfigur die Lösung seiner Lebensprobleme verlangt und daran notwendig scheitert. Das, was dies in der deutschen Situation hervorbringt, wird normalerweise als Politikverdrossenheit oder Wutbürgertum beschrieben. Es ist die enttäuschte Abwendung derer vom Staat, die sich nie von ihm abnabeln konnten.

*maskuline Form Absicht

Sonntag, 18. Januar 2015

also ich weiß ja nicht

Jedes Mal, wenn ich ein Foto vom NSA-Hauptquartier in den Medien sehe, muss ich denken: dass diese vielen Angestellen offenbar alle mit dem Privat-Pkw anreisen müssen, ist doch eine verkehrspolitische und stadtplanerische Bankrotterklärung.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

srrrrrrr

Wer eine Meinung dazu hat, ob Marburg eine Seilbahn auf die Lahnberge nach der aktuell vorgelegten Machbarkeitsstudie bauen sollte (siehe auch Verkehrsstudie zur Notwendigkeit), kann hier schon mal abstimmen.

Mittwoch, 26. März 2014

niedertracht

Es gibt ein deutsches »Qualitätsmedium«, für das in meinem Herzen eine besonders finstere Ecke reserviert ist, und das ist die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Weil es mir einfach keine Ruhe ließ, habe ich mal mein Standardbeispiel dafür, warum die FAS so schlimm ist, nachrecherchiert. Ich zitiere:
Glücklich waren auch alle sogenannten Homosexuellen. Das Bundesverfassungsgericht kam nämlich zu dem Schluss, dass ihre sogenannte Schlechterstellung in Partnerschaften im Vergleich zu normalen Ehen verfassungswidrig sei und deswegen der Gesetzgeber bei der Erbschaftsteuer die Privilegierung der Ehe abschaffen müsse. Freilich bleibt erstaunlich, mit welcher Hingabe sich eine demographisch quasi so gut wie zum Tode verurteilte Gesellschaft mit einem für ihren Fortbestand irrelevanten Thema befasst[.]
Wagner, Richard: Das war's. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 33/2010 (22.08.2010), S. 12.
Der dort schreibende Richard Wagner ist übrigens nicht der Richard Wagner, der mit Thea Dorn zusammen das (unbesehen ganz sicher völlig unsägliche) Buch Die deutsche Seele verfasst hat, sondern zehn Jahre jünger und auch mal Kommunikationschef der Bertelsmann-Stiftung gewesen. So ist das eben in der »freiheitlich demographischen Grundordnung« (Kursbuch, 1975).

Freitag, 11. Oktober 2013

gaspreis

Das Jahr 1990 war ein spannendes und schlimmes Jahr für mich als Kind, unter anderem deswegen, weil damals im Spätsommer in der so genannten »Aktion Lindwurm« über 100 000 Giftgasgranaten aus einem Depot bei Clausen, 40 Kilometer Luftlinie von meinem Elternhaus entfernt, unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen zur Vernichtung abtransportiert wurden. Ungefähr um dieselbe Zeit begann die großangelegte Munitionsräumung auf dem Gebiet der ehemaligen Giftgasfabrik Espagit bei Hallschlag in der Vulkaneifel, die zwanzig Jahre dauern sollte. Dass gleich an zwei Orten meines Heimatlandes die Einwohnerschaft darauf vorbereitet sein musste, bei Sirenenalarm Gasschutzhauben anzuziehen, prägte sich mir tief ein, und die Berichte auf Südwest 3 habe ich 23 Jahre später immer noch vor Augen. Der erste Golfkrieg lag gerade zwei Jahre zurück, der Imhausen-Prozess lief, Saddam Husseins, Muammar al-Gaddafis und sonstige Gasarsenale waren tägliches Pressethema.
Seit ich zum ersten Mal davon gehört habe, dass die Vernichtung nahezu aller größeren C-Waffen-Bestände der Welt nicht nur beschlossen wurde, sondern tatsächlich auch seit Jahren effektiv umgesetzt wird, erzähle ich gerne anderen Leuten davon. Kaum jemand weiß das nämlich. Das wird sich mit der heutigen Vergabe des Friedensnobelpreises für die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) sicher ändern. Und das ist gut. Denn dass sich irgendwann keine Achtjährigen mehr im tiefsten Frieden davor fürchten müssen, dass man lastwagenweise Kampfstoffe durch ihr Dorf fährt, ist nur die kleinste und unwichtigste Facette dieses größten Abrüstungsprogramms der Menschheitsgeschichte.

Freitag, 4. Oktober 2013

zwei herüberrettungen von facebook

  1. - »Wäre besser, wenn du schon mal deinen Helm holtz.«
    - »Warum?«
    - »Weil ich gleich Ernst mach!«
  2. Ich war ungefähr zwei Monate lang Mitglied in der Facebook-Gruppe »StipendiatInnen & Ehemalige der Förderwerke« und habe dadurch auch mal im Querschnitt das erlebt, woraus sich nach Meinung vieler später mal die deutschen Eliten rekrutieren sollen. Seitdem bin ich froh, dass Frankreich die Atombombe hat. Und überlege, ob man Polen nicht auch eine geben sollte, nur so zur Sicherheit.
    I.e.: Was die Antideutschen in zehn Jahren Marburg nicht geschafft haben, schafft ein Häuflein unerschrockener, nie darum, sich um Kopf und Kragen zu reden, verlegener Polohemdenträger in acht Wochen.

Montag, 8. Juli 2013

ein mann gibt auskunft

Ich weiß gar nicht, wer das hier überhaupt noch liest. (Wer sich zu erkennen geben will, mag gerne kommentieren!) Aber ich stelle mal ein paar Fakten in die Landschaft:

  1. DenkWelten hat im Mai/Juni im Senckenberg Naturmuseum die erste, recht erfolgreiche, Ausstellung abgehalten.
  2. Im Oktober muss, soll und wird die Rohfassung meiner Doktorarbeit fertig sein.
  3. Ich habe, ebenfalls im Oktober, angefangen, ganz vorsichtig wieder ein kleines bisschen politisch aktiv zu sein, aber wirklich nur ganz wenig.
  4. Ich habe seit 1. Juli und noch bis einschließlich September in meiner Funktion als Assistent der Geschäftsführung der DGPhil eine Praktikantin zu betreuen.
  5. Ich schreibe wieder! Details gibt es aber erst, wenn mal wirklich was fertig ist.
  6. Mein Stipendium wurde verlängert und geht noch bis Ende Januar 2014. Danach strebe ich die Selbstständigkeit an. Genaueres wird noch bekannt gegeben.
  7. Seit Ende Mai wohne ich nicht mehr in einer WG, sondern in einem schnuckeligen Einzimmerappartement.
  8. Da der frühere Chorleiter des UniChors gekündigt hat und wir dieses Semester mit einer »hauseigenen« Übergangslösung arbeiten, darf ich seit April und noch bis Ende nächster Woche bei sämtlichen Proben korrepetieren. Außerdem mache ich auch noch die Klavierbegleitung bei der Pausenmusik.
Es ist schon nicht ganz wenig. So langsam könnte ich mal wieder 14 Tage Nordsee ohne Internet und Telefon gebrauchen.

Montag, 11. Februar 2013

nascetur ridiculus mus

Da haben der Marburger AStA, attac, und noch so ein paar Gruppen (darunter die unfassbarerweise tatsächlich so heißenden »Freedumm«) eine riesige Demonstration gegen jedes Übel in Marburg und der Welt anberaumt. Sämtliche ca. 23 000 Studierenden der Universität wurden aufgerufen. Es gab Flyer, massenweise Plakate und Störer, Werbung auf was weiß ich wie vielen alternativmedialen Kanälen, und außerdem wurde das Motto (»Wir sind sehr wütend«) seit Monaten per Sachbeschädigung in ganz Marburg bekannt gemacht, wahrscheinlich, um irgendwie viral Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Und was kommt bei diesem Riesenaufwand rum? Lumpige 250 Demonstrierende.
Fragt sich, ob die Beteiligten überhaupt fähig sind auf die Idee zu kommen, sich mal zu überlegen, was sie falsch gemacht haben könnten.

Dienstag, 29. Januar 2013

aktenzeichen xy

In Deutschland herrscht längst (wieder) fällige Aufmerksamkeit für gewisse Alltagsprobleme in den hiesigen Geschlechterbeziehungen. Zu diesem Anlass hacke ich mal ein paar Überlegungen in die Tasten, die ich eigentlich schon seit Monaten mal notiert haben wollte.

1.
Ich hatte in meinem ganzen Leben nur für ungefähr vier Wochen einen Mann als »richtigen Chef« (in einem Ferienjob im Sommer 2000). Zwar habe ich zwei Semester als Lektürekursleiter beziehungsweise Tutor »unter« Männern gearbeitet, aber beiden war meine Tätigkeit nahezu völlig egal; auch ist der Chef des Hochschulrechenzentrums ein Mann, aber operativ hatte ich immer nur mit meiner Abteilungsleiterin zu tun. Alle meine direkt relevanten Vorgesetzten, im Museum, im Zivildienst, im Institut für Romanistik, in der Hochschulinformatik und bei der Deutschen Gesellschaft für Philosophie waren beziehungsweise sind Frauen, meine Magister- und Promotionsbetreuerin natürlich sowieso. Auch meine AnsprechpartnerInnen in der freiberuflichen Tätigkeit waren meistens, wenn auch nicht immer, Frauen.
Ich finde es großartig. Die Arbeitsatmosphäre war immer gut, mein Geschlecht oder das meiner Chefinnen war für sie oder mich nie ein Thema. Dass man sich drumherum gerne mal das Maul zerriss, ist mir natürlich durchaus aufgefallen.

2.
Ich bin ein Alltagssexist wie wir alle oder nahezu alle, die wir in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind (Frauen natürlich inklusive!). Obwohl ich mich ganz ehrlich und wirklich Frauen weder über- noch unterlegen fühle (früher war das anders!), merke ich doch regelmäßig, und zwar immer zu spät, dass ich mit einer Frau auf eine Weise umgesprungen bin, die ihr wahrscheinlich nicht zugesagt hat, oder dass mich eine Frau damit überrascht, etwas zu können, was mich bei einem Mann weniger überrascht hätte.
Auf ganz genau dieselbe Weise bin ich allerdings auch (wiederum: wie wir alle) Alltagsrassist und überhaupt Alltagskyriarch. Letztlich ist das unvermeidlich und auch nicht tragisch. Man muss sich deswegen genausowenig schuldig fühlen wie wegen der Kriegsverbrechen unserer Großväter. Es geht um Verantwortung und Bessermachen, nicht um Schuld oder Sühne.

3.
Ich bin in meinem erwachsenen Leben einmal wirklich und ein paarmal leicht belästigt worden, und das hatte niemals mit meinem Geschlecht zu tun, sondern jedes Mal mit meinem anderweitigen Habitus als leicht als solcher erkennbarer, langhaariger Student. Einmal habe ich mitbekommen, dass jemand von der Nachbarkabine der öffentlichen Toilette durch ein Loch zu mir hinüberschielt, aber das ist nun nicht besonders schlimm.
Ich kenne aber, um das etwas in Beziehung zu setzen, allein zwei Frauen persönlich, von denen ich weiß, dass sie in mehreren unabhängigen Fällen vergewaltigt worden sind.

4.
Ich habe selbst schon unter Alkoholeinfluss Dinge getan, die mindestens genauso wenig in Ordnung waren wie Brüderles Verhalten an der Bar, von meiner latent frauenfeindlichen Denke als nerdiges und nahezu jungfräuliches Erst- und Zweitsemester mal ganz abgesehen. Da ich begründet vermute, kontrollierter, reflektierter und auch schüchterner zu sein als der Durchschnitt, erlaube ich mir in der Verlängerung auch die Vermutung, dass die allermeisten Männer sich schon viel Schlimmeres erlaubt haben als ich. Diese Vermutung wird regelmäßig empirisch bestätigt, aber trotzdem glaube ich deswegen nicht, postgender zu sein.
Es hat sich übrigens fast niemals eine Frau beschwert, ich habe nie eine Ohrfeige oder ein Glas Wein ins Gesicht bekommen. Ich weiß trotzdem, dass es falsch war, weil ich kein komplett stumpfer Idiot bin.

5.
Ich habe nie einen zusammenhängenden feministischen Theorietext gelesen. Ich glaube weder an das generische Maskulinum noch an konsequent verwendete Beidformen. Ich kann kochen, Hemden bügeln, Dübellöcher bohren und Bremsklötze austauschen. Ich gebe mir Mühe und ich hoffe, dass es etwas bringt.

Montag, 8. Oktober 2012

and i don't like star wars

Anfang letzten Jahres habe ich mir nach langer Abstinenz (de facto bin ich von Herbst 2002 bis Ende 2010 nicht mehr nennenswert gefahren) bekanntlich ein Fahrrad gekauft. Es handelt sich bei diesem Fahrrad um ein Diamant Saphir 24/7, Modelljahr 2010. Im Prinzip ist das ein Hollandrad, das sich als Mountainbike verkleidet hat: Bleischwer, leicht geschwungener Lenker, Acht-Gang-Nabenschaltung, Trommelbremsen (»Rollerbrakes«), Vollkettenschutz, Schutzbleche, Nabendynamo, Rückleuchte mit Standlicht, im Rahmen verlegte Züge und Kabel; aber das Ganze mit einem sportlichen Diamantrahmen in todschickem Mattschwarz.
Ich liebe dieses Rad über alles und habe mich binnen kürzester Zeit in einen überzeugten Radfahrer verwandelt. Ich fahre mit dem Ding immer und überall hin und öfters auch mal aus Spaß größere Strecken.

Das zog Investitionen nach sich: da ich als ziemlicher Sportverächter vor Februar 2011 noch nicht einmal ein atmungsaktives T-Shirt besessen habe, geschweige denn eine winddichte Jacke, habe ich mittlerweile annähernd genauso viel, wie das Rad gekostet hat, noch einmal in Kleidung gesteckt. Die kann ich allerdings zum größten Teil auch anderweitig anziehen (mehr dazu unten), nicht nur zum Radfahren. (Was toll ist: es gibt mittlerweile Radhosen, die sozusagen als Innenleben in eine gewöhnliche lange oder kurze Hose eingeknöpft sind, so dass man, hochprofessionell und gegebenenfalls nur durch eine dünne Schicht Sitzcreme vom High-Tech-Gewebe getrennt, in einer engen und dick gepolsterten Hose durchs Gelände sausen kann, aber trotzdem von außen nicht aussieht wie ein Vollhonk.)
Die Anziehsachen sind aber nur ein Posten. Da der Keller unseres Hauses feucht ist und ich keine Lust habe, das Rad ständig über Treppen zu tragen, steht es immer draußen im Ständer, es ist noch nicht einmal überdacht, und nachts ziehen regelmäßig Horden fragwürdig beleumundeter Jugendlicher an ihm vorbei. Um mein Gewissen zu beruhigen, habe ich es daher versichert (gegen Diebstahl, Unfall und Vandalismus), und als Bedingung dieser Versicherung musste ein fettes Schloss her. Unter anderem wegen des ständigen Draußenstehens gebe ich mir große Mühe mit der Pflege und habe deswegen diverses Werkzeug, Reinigungs- und Schmiermittel angeschafft, sowie natürlich eine ordentliche Standpumpe und eine niedliche kleine Handpumpe. Ich kann mittlerweile Schläuche flicken und wechseln, Rollenbremsen schmieren, Ketten spannen und wechseln, Speichen nachspannen, Züge einstellen, Lackkratzer mit Wachskreide abdecken, verrostete Schrauben mit Rostumwandler betupfen und so weiter und so fort, und kann mich schon wie ein Großer darüber mokieren, wie tief andere Leute ihre Sättel einstellen, wie wenig Luft sie in ihre Reifen tun und wie schlaff ihre Ketten durchhängen.
Damit sich der ganze Aufwand auch ganzjährig rentiert, sind dann noch dicke Handschuhe, eine ordentliche Fleecejacke (für unter die fette Regenjacke), Regenhosen, Regenüberschuhe und Spikereifen für den Winter dazugekommen, dazu eine Packtasche und eine (mittlerweile allerdings wieder demontierte, weil selten genutzte) Halterung für meinen Aktenkoffer. Und ein Tacho, wegen der Statistik (der relativ bald wieder durch einen Tacho mit Hintergrundbeleuchtung ersetzt wurde, man will ja auch nachts wissen, wie schnell man fährt).
Und bevor jemand unkt: Ich bin auch tatsächlich das gesamte Jahr durchgefahren, bei minus 15 Grad und bei plus 30 Grad. Ich habe meine gesamte Regenschutzkleidung gebraucht. Ich bin über unbefestigte Feldwege, Schotterpisten und mehrfach überfrorene vereiste Wege voller Spurrillen gefahren. Ich habe im Ebenen Spitzengeschwindigkeiten von über 45 km/h erreicht, was für ein zwanzig Kilo schweres Rad mit Acht-Gang-Nabe, Tourenlenker und untrainiertem Fahrer halbwegs achtbar ist. Ich bin mit dem Rad bei Dunkelheit und Kälte nach Frankfurt gefahren und habe mich derartig verfranst, dass ich am Ende 130 statt 90 Kilometer auf dem Tacho hatte. Beim Lernen, mit Klickschuhen zu fahren, bin ich ungefähr zehnmal saftig in Zeitlupe seitwärts umgefallen.

Was nicht so toll ist: das eigentlich auf Langlebigkeit und Wartungsarmut ausgelegte Rad hat ständig Wehwehchen, vielleicht vom Draußenstehen, vielleicht vom Allwetter- und Geländeeinsatz, vielleicht aus reinem Pech. Nach lediglich gut 4300 Kilometern hat es nun schon zwei Schaltzüge (einer davon eingefroren und deswegen beim Schalten abgerissen), eine Klingel, eine Kette, einen Tachokopf mit Halterung und ein, zwei Magneten, größere Mengen Lager- und Bremsenfett, einen Sattel und gefühlt ein halbes Dutzend Schläuche gefressen. Binnen zirka zweier Monate habe ich so ziemlich alle Fehlermodi erlebt, die Fahrradschläuche haben können, inklusive abgebrochenem Ventilkopf und nach einem Tag aufgeplatzten Flickstellen. Das mit dem Schläuchefressen ist jedoch glücklicherweise vorbei, seit ich gute - und teure - pannensichere Reifen drauf habe, made in Hesse übrigens. Zwei Speichenbrüche und eine lockere Lagerschale an der Getriebenabe hat es auch schon hinter sich, von diversen Achtern ganz zu schweigen. Derzeit wird das Vorderrad verarztet, bei dem der Fahrradmechaniker meines Vertrauens befürchtet, der Nabendynamo könnte schadhaft sein.
Zudem habe ich es mir nicht nehmen lassen, die abgenutzten Lenkergriffe durch bessere Griffe, den angebrochenen Sattel durch einen besseren Sattel, die verschlissenen Billigpedale durch Kombipedale (dafür mussten dann natürlich noch die genannten Klickschuhe gekauft werden) und vor allem die funzelige Halogenleuchte, nachdem das Lämpchen durchgebrannt war, durch einen LED-Scheinwerfer mit Standlicht zu ersetzen. Und ein extragroßer Flaschenhalter, in den man statt einer albernen Trinkflasche eine ganz normale PET-Sprudelflasche (oder auch eine Weinflasche, je nach Fahrtziel) hinein tun kann, war auch fällig.

Das ist aber noch längst nicht alles. Nach wenigen Monaten täglichen Radfahrens bemerkte ich unter der Dusche, dass meine vormals zerbrechlichen Akademikerbeine ungefähr doppelt so dick waren wie früher, was den weiterhin zerbrechlichen Oberkörper noch grotesk zerbrechlicher wirken ließ und allmählich Ausgleichsmaßnahmen einforderte. Ende vom Lied: Wegen des Fahrrads mache ich mittlerweile ein- bis zweimal die Woche Krafttraining und bin inzwischen so weit, dass ich fast drei richtige Klimmzüge hintereinander schaffe. Kostet natürlich auch wieder Geld. Nicht weiter zu erläuternde Komplikationen dieser ganzen Maßnahme haben mir außerdem eingehandelt, dass ich eine Zeitlang ein angeknackstes Zehengrundgelenk hatte sowie zwei Paar Sportschuhe besitze (früher: 0 Paar) und erstmals seit zehn Jahren wieder orthopädische Einlagen trage (kostet alles, richtig: Geld).

In summa lässt sich also sagen: das Fahrrad hat mein Leben vollständig verändert, es frisst mir die Haare vom Kopf, aber es teilt jeden meiner Tage und ich liebe jede Minute mit ihm; und Gerüchte, es verbringe das halbe Jahr in der Werkstatt, sind nun wirklich stark übertrieben.

Dienstag, 31. Januar 2012

briefe an meine nichtleser iv

Liebes »free education movement marburg«,
ich gebe es zu: ihr seid ein leichtes Ziel für Spott. Ob das nun euer Newsletter ist, der 150prozentiges Klischee-Marburgertum mit der Tierschutzbeflissenheit und typographischen Verunglücktheit einer Schülerzeitung verbindet, ob das die restringierte Sprache eurer Verlautbarungen ist, die den Eindruck macht, dass kein Satz vorkommen darf, der nicht in einer Frequenzanalyse sämtlicher hochschulpolitischer Mensaflyer der letzten zehn Jahre hoch abschneiden würde, oder schlicht eure extrem unglücklich gewählte Domain freedumm.de.vu.
Aber gerade deswegen gilt, dass ihr und eure Äußerungen als besonders repräsentativ für das gelten könnt, was ich der Einfachheit halber einmal als »den ganzen Unfug« bezeichnen möchte. In eurem neuesten Newsletter kann man letzteren in Reinkultur besichtigen, in einem aus rein gar nichts als recycelten Phrasen bestehenden Grundlagentext namens »Scheiß auf Nation!«, der mit dem wohl tatsächlich ernst gemeinten Untertitel »Ansatz der Dekonstruktion eines Konstrukts« daherkommt und einen atemberaubenden Einblick in die Untiefen des Denkens weiter Teile des Marburger hochschulpolitischen Milieus bietet. Aus diesem Text, der das ja eigentlich rundum lobenswerte Ziel verfolgt, zu zeigen, dass Nationalstaaten eine fragwürdige Errungenschaft sind, kann man lernen, dass:
  • die Aufforderung »Scheiß auf Nation!« eine Aussage sei und
  • als provokativ empfunden werde (wo? an der Marburger Universität? meint ihr das ernst?);
  • Menschen zu »zufälligen Gegebenheiten« »keine engere Bindung entwickeln« müssten (in Zukunft also nur noch arrangierte Ehen und keine Liebe mehr für zugelaufene Haustiere);
  • beim »heutigen Stand der Technik« »niemand auf der Erde mehr (ver)hungern« müsste und »alle ein gutes Leben haben« könnten, wenn wir nur »gemeinsam über die Produktionsmittel verfüg[t]en« sowie die »moderne Gesellschaft als ein Feld widerstreitender Interessen und Akteure« begriffen werden könne (gut, dass das alles endlich mal jemand sagt);
  • Staaten »die Bedingungen erschaff[t]en und durchsetz[t]en, die das kapitalistische Wirtschaften zur Folge haben« (da war doch mal was mit Dialektik...);
  • dass das Stabilitätsgesetz von 1967 irgendwie dazu diene, die Bevölkerung zufrieden zu stellen und damit das Privateigentum zu sichern;
  • die Finanzkrise seit Kurzem vorbei sei;
  • »die überwiegende Mehrheit unter immer beschisseneren Lebensbedingungen« leide, wahrscheinlich, weil der »immer stärker werdende Druck, welcher vom Spiel des globalen Wettbewerbs entfaltet wird[, ...] uns alle krank macht« - deswegen wahrscheinlich auch die seit Jahrzehnten stetig fallende Lebensarbeitszeit und die stetig steigende Lebenserwartung;
  • Staat und Nation in Krisenzeiten besonders bejubelt würden und »die Menschen während wirtschaftlicher Krisen besonders dazu tendier[t]en, sich in nationale Kollektive einzufügen« (ist es verabscheuenswürdiger Positivismus, hier nach Belegen zu fragen?);
  • jede Abgrenzung zwischen Völkern rassistisch sei - die rein sprachliche Abgrenzung, die z.B. vor 1918 in Österreich-Ungarn Staatspraxis und bis mindestens 1945 weithin beliebt war, also ebenfalls, man höre und staune; aber auch »Rasse« sei ja bloß ein rassistisches Konstrukt (konstruiert vermutlich in der Redundanzabteilung für Redundanz);
  • es an den Hochschulen nur noch um »hochschulische Ausbildung« gehe - der beispiellose Boom geisteswissenschaftlicher Studiengänge in Deutschland in den letzten 10-15 Jahren muss wohl daran liegen, dass dort so viele unmittelbar berufsrelevante Inhalte gelehrt werden, dass die AbsolventInnen dann direkt fit für den mörderischen Arbeitsmarkt (Zitat: »Horror«) sind;
  • Sprache, Geschichte und Kultur nichts seien als »irgendwelche belanglosen Worte in noch belangloseren Dokumenten«.
Und dieser letzte Satz erscheint mir dann doch irgendwie wieder passend.
Viele Grüße
m.

Donnerstag, 3. November 2011

bauzeugs

Ich wollte eben etwas über die baulichen Neuigkeiten in der Nordstadt schreiben und mit einem Satz wie diesem beginnen: »Beim hinteren Teil des nahezu abbruchreifen Hinterhauses Ecke Eisenstraße, das eine türkische Unternehmerfamilie zu einem ansehnlichen Mehrfamilienhaus umbaut, wird schon das Dach gedeckt.«
Was ist an diesem Satz falsch und lässt mich über meine eigenen Vorurteile nachdenken? Nicht das »türkisch« - das halte ich auch im Sinne von »türkischstämmig« für richtig, ich bin ja auch kein pfälzischstämmiger Deutscher und »Italian Americans« sind selbstverständlich vollgültige Amerikaner. Das Problem ist das Wort »Unternehmerfamilie«. Das klingt tribal und südländisch, nach Schwarzarbeit und ganz vielen Cousins, die auf dem Bau mithelfen. Nur ist das mit der Schwarzarbeit und den Cousins bei Ethnodeutschen nicht groß anders, auch wenn das dann häufig keine Cousins, sondern irgendwelche Vereinskumpane oder Hartz-IV-beziehende Schwager sind. Aber bei denen sagt man nicht »Unternehmerfamilie«, sondern »Familienunternehmen«. (Google wirft für »türkische unternehmerfamilie« in der Tat 526 Treffer, für »türkisches familienunternehmen« nur 351.)

In other news:

  • Das Haus gegenüber der neuen DVAG-Zentrale, an das sich hinten das komplett runderneuerte und aufgestockte Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth anschließt, bekommt im Erdgeschoss, wo ein Haushaltswarengeschäft einer Begegnungsstelle weicht, seine alte Fassade wieder. Gerade wird der Sandsteinsockel erneuert. Damit haben jetzt, seit ich darauf achte, schon mindestens zwei Gebäude in der Bahnhofstraße ihre hässlichen kastigen Vordächer, Leuchtreklamen und Schaukästen verloren. Ich hoffe, der Trend bleibt stabil.
  • Das Chemikum hat ein neues Portal bekommen (notgedrungen, weil der Sockel so hoch ist, dass man einen Einschnitt machen musste, um einen barrierefreien Eingang hinzukriegen, ohne die halbe Fassade mit einer Rampe zu verschandeln). Auf der Simulation sah es aus, als solle es mit buntem Glas oder Keramikplatten verkleidet werden, aber nein, es ist Kupfer! Das ist ja mal edel.
  • Die Baustelle Neue Kasseler Straße wird bald auf die andere Seite springen, mittlerweile wird rechts schon der Bürgersteig gepflastert.
  • Neue Container vor dem Bahnhof lassen vermuten, dass bald auch in der Bahnhofshalle die Baustelle auf die andere Seite übergreift. Demnächst muss man wahrscheinlich zwischen zwei Zäunen im Gänsemarsch zur Unterführung watscheln.

Donnerstag, 20. Oktober 2011

time will run back and fetch the age of gold

Vor über fünf Jahren habe ich schon einmal vom »deutschen Noch« geschrieben, dem Wörtchen, mit dem es Deutsche, die über andere Deutsche sprechen, schaffen, alles, was bei jenen irgendwie richtig läuft, als letztes Aufbäumen vor dem unvermeidlichen Niedergang darzustellen (»noch hat Deutschland eine gute Verkehrsinfrastruktur«, »noch ist der deutsche Fußball international bedeutend«). Es gibt eine andere Erscheinung, die sich nicht mit einem einzelnen Wort designieren lässt, aber mindestens genauso schädlich und bescheuert ist: nämlich das Darstellen von nötigen und wichtigen Fortschrittsleistungen, die erbracht werden müssen, als Rückkehr zu einem irgendwann einmal gewesenen fiktiven besseren Zustand.
Da wird dann so getan, als seien mehr Lebensmittelsicherheit, bessere Kennzeichnungen, regionalere und besser schmeckende Lebensmittel und weniger Wegwerfen bloß ein allfälliges Rückbesinnen auf das Gewesene - als hätte es das Wegrotten von Getreide, Obst und Wurzelgemüse über den Winter nie gegeben, als seien Mutterkorn und Sand im Mehl, als seien Kalk und Bleiweiß in der gepanschten Milch, als seien Trichinen und Dreck in der Wurst nur schlechte Propaganda gewesen, als sei über tausende Kilometer importierter Salzfisch nicht zirka achthundert Jahre lang ein Grundnahrungsmittel der Armen gewesen. Entsprechend verkauft man uns die nötige weitere Humanisierung der Arbeitswelt als Rückkehr in eine goldschimmernde DGB-Wunderwelt der 1970er, in der ausnahmslos alle unbefristete, sozialversicherte Vollzeitstellen hatten und es selbstverständlich weder Tagelöhner noch Hilfsarbeiter noch Hausfrauen noch Leichtlohngruppen oder Heimarbeit im Akkord gab; und die nötige Umstrukturierung des Gesundheitssystems als Rückkehr zu Zeiten, als die Kasse jedem alles zahlte und natürlich niemand irgendwelche Zivilisationskrankheiten hatte; und so weiter und so fort. Es wäre doch ganz nett, wenn sich wenigstens die Presse einmal darauf einigen könnte, dass auf vielen, wahrscheinlich den meisten Gebieten das, was heute schlecht ist, besser werden muss, eben gerade nicht deswegen, weil es früher einmal besser war, sondern weil es in Zukunft besser sein soll.

Freitag, 7. Oktober 2011

damenwahl

Ich warte darauf, dass demnächst drei potenzielle Preisträger auf einmal den Friedensnobelpreis bekommen, weil sie alle männlich und weiß sind.

Sonntag, 4. September 2011

telematik

Dort, wo die Lahnstraße auf den neuen rechten Lahnuferweg trifft, gibt es jetzt ein solarbetriebenes Wechselverkehrszeichen, das anzeigt, ob die Drehbrücke über das Schwarze Wasser offen oder zu ist. Worte können kaum beschreiben, wie gut ich das finde - nicht nur, weil es den Radverkehr fördert, sondern weil es einfach intrinsisch cool ist, so etwas Maritimes in Marburg zu haben.

Montag, 25. Juli 2011

on a tangent from oslo

Es gibt zwei Glaubenssätze, die verbitterte und hasserfüllte Menschen aus ganz unterschiedlichen Ecken des weltanschaulichen und politischen Spektrums vereinen:

  1. Bei uns bekommen die falschen Leute die Kinder.
  2. Es war einmal eine Zeit, da es bei uns für eine Frau noch sicher war, im Dunkeln alleine nach Hause zu gehen.
Da muss Aufklärung ansetzen.

Mittwoch, 6. April 2011

Gestern habe ich vom Zug aus einen Storch gesehen. Er stakste wie in einem Bilderbuch durch einen Teich oder zumindest eine feuchte Wiese, direkt links neben der Bahnstrecke zwischen Weinheim und Bensheim, und suchte mutmaßlich nach Futter..
Das eigentlich Erstaunliche an dieser Begegnung war, wie wenig erstaunlich ich sie im ersten Moment fand. Erst im zweiten Moment wurde mir klar, dass ich gerade etwas sah, was ich noch nie in meinem bewussten Leben gesehen habe, bisher kannte ich Störche nämlich höchstens im Flug oder auf einem Dach  oder Nest stehend.