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Sonntag, 18. Januar 2015

nie mehr mitmeinen


Es ist mittlerweile hinlänglich bekannt, dass es kein funktionierendes generisches Maskulinum gibt. In meiner Dissertation (Veränderung in Zeichen, Münster 2015, i.V.) habe ich am Ende der Einleitung folgende Fußnote stehen:
Ich halte es für eine empirisch belegbare Tatsache, dass die deutsche Sprache als Männersprache entstanden und in weiten Teilen noch heute eine Männersprache ist; vgl. hierzu z. B. allgemein Luise F. Pusch: Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984 (Edition Suhrkamp 1217); zum empirischen Aspekt Susanne Oelkers: »Der Sprintstar und ihre Freundinnen«. Ein empirischer Beitrag zur Diskussion um das generische Maskulinum, in: Muttersprache 106 (1996), Nr. 1, S. 1–15. Anstrengungen, diesen Zustand zu verändern, halte ich für sinnvoll und geboten, wobei ich anerkenne, dass es nicht möglich ist, in einer völlig „gerechten Sprache“ zu schreiben. Das Verwenden von ausführlichen Beidformen („Philosophinnen und Philosophen“) oder typographisch innovativen, mehr oder minder politisch konnotierten Kurznotationen („PhilosophInnen“, „Philosoph_innen“, „Philosoph*innen“), wo ursprünglich maskuline oder feminine Nomina standen, könnte den Anschein entstehen lassen, hier würde lediglich ein rituelles grammatisches Lippenbekenntnis zur Geschlechtergerechtigkeit veranstaltet. Ich habe versucht, fragliche Textstellen so weit wie möglich durch Umformulierung genusneutral zu machen und wechsle ansonsten zwischen maskulinen und femininen Formen.
Wer mag (von einer Person weiß ich es), darf mich gerne damit zitieren.
Es ist übrigens erstaunlich oft möglich, neutral zu formulieren, ohne überhaupt Pronomina oder Endungen zu verwenden, die maskulin oder feminin sind. So lässt sich z.B. (um nur ein Beispiel geben) statt »Der Leser eines Romans kann...« einfach schreiben »Wer einen Roman liest, kann...«

Dienstag, 29. Januar 2013

aktenzeichen xy

In Deutschland herrscht längst (wieder) fällige Aufmerksamkeit für gewisse Alltagsprobleme in den hiesigen Geschlechterbeziehungen. Zu diesem Anlass hacke ich mal ein paar Überlegungen in die Tasten, die ich eigentlich schon seit Monaten mal notiert haben wollte.

1.
Ich hatte in meinem ganzen Leben nur für ungefähr vier Wochen einen Mann als »richtigen Chef« (in einem Ferienjob im Sommer 2000). Zwar habe ich zwei Semester als Lektürekursleiter beziehungsweise Tutor »unter« Männern gearbeitet, aber beiden war meine Tätigkeit nahezu völlig egal; auch ist der Chef des Hochschulrechenzentrums ein Mann, aber operativ hatte ich immer nur mit meiner Abteilungsleiterin zu tun. Alle meine direkt relevanten Vorgesetzten, im Museum, im Zivildienst, im Institut für Romanistik, in der Hochschulinformatik und bei der Deutschen Gesellschaft für Philosophie waren beziehungsweise sind Frauen, meine Magister- und Promotionsbetreuerin natürlich sowieso. Auch meine AnsprechpartnerInnen in der freiberuflichen Tätigkeit waren meistens, wenn auch nicht immer, Frauen.
Ich finde es großartig. Die Arbeitsatmosphäre war immer gut, mein Geschlecht oder das meiner Chefinnen war für sie oder mich nie ein Thema. Dass man sich drumherum gerne mal das Maul zerriss, ist mir natürlich durchaus aufgefallen.

2.
Ich bin ein Alltagssexist wie wir alle oder nahezu alle, die wir in dieser Gesellschaft aufgewachsen sind (Frauen natürlich inklusive!). Obwohl ich mich ganz ehrlich und wirklich Frauen weder über- noch unterlegen fühle (früher war das anders!), merke ich doch regelmäßig, und zwar immer zu spät, dass ich mit einer Frau auf eine Weise umgesprungen bin, die ihr wahrscheinlich nicht zugesagt hat, oder dass mich eine Frau damit überrascht, etwas zu können, was mich bei einem Mann weniger überrascht hätte.
Auf ganz genau dieselbe Weise bin ich allerdings auch (wiederum: wie wir alle) Alltagsrassist und überhaupt Alltagskyriarch. Letztlich ist das unvermeidlich und auch nicht tragisch. Man muss sich deswegen genausowenig schuldig fühlen wie wegen der Kriegsverbrechen unserer Großväter. Es geht um Verantwortung und Bessermachen, nicht um Schuld oder Sühne.

3.
Ich bin in meinem erwachsenen Leben einmal wirklich und ein paarmal leicht belästigt worden, und das hatte niemals mit meinem Geschlecht zu tun, sondern jedes Mal mit meinem anderweitigen Habitus als leicht als solcher erkennbarer, langhaariger Student. Einmal habe ich mitbekommen, dass jemand von der Nachbarkabine der öffentlichen Toilette durch ein Loch zu mir hinüberschielt, aber das ist nun nicht besonders schlimm.
Ich kenne aber, um das etwas in Beziehung zu setzen, allein zwei Frauen persönlich, von denen ich weiß, dass sie in mehreren unabhängigen Fällen vergewaltigt worden sind.

4.
Ich habe selbst schon unter Alkoholeinfluss Dinge getan, die mindestens genauso wenig in Ordnung waren wie Brüderles Verhalten an der Bar, von meiner latent frauenfeindlichen Denke als nerdiges und nahezu jungfräuliches Erst- und Zweitsemester mal ganz abgesehen. Da ich begründet vermute, kontrollierter, reflektierter und auch schüchterner zu sein als der Durchschnitt, erlaube ich mir in der Verlängerung auch die Vermutung, dass die allermeisten Männer sich schon viel Schlimmeres erlaubt haben als ich. Diese Vermutung wird regelmäßig empirisch bestätigt, aber trotzdem glaube ich deswegen nicht, postgender zu sein.
Es hat sich übrigens fast niemals eine Frau beschwert, ich habe nie eine Ohrfeige oder ein Glas Wein ins Gesicht bekommen. Ich weiß trotzdem, dass es falsch war, weil ich kein komplett stumpfer Idiot bin.

5.
Ich habe nie einen zusammenhängenden feministischen Theorietext gelesen. Ich glaube weder an das generische Maskulinum noch an konsequent verwendete Beidformen. Ich kann kochen, Hemden bügeln, Dübellöcher bohren und Bremsklötze austauschen. Ich gebe mir Mühe und ich hoffe, dass es etwas bringt.

Freitag, 7. Oktober 2011

damenwahl

Ich warte darauf, dass demnächst drei potenzielle Preisträger auf einmal den Friedensnobelpreis bekommen, weil sie alle männlich und weiß sind.

Sonntag, 12. Dezember 2010

hände und münder überall

Wenn man die aktuelle Ausgabe der von mir bisher hoch geschätzten Zeitschrift DUMMY aufschlägt, fällt einem auf den Seiten 6 und 7 eine doppelseitige Anzeige ins Auge, auf der eine Callgirl-Agentur beworben wird. Das ist ja in der deutschen Presse schon selten genug. Dass das eine Berliner Agentur ist, die Prostituierte vermittelt, die ausschließlich »Künstlerinnen und Akademikerinnen« sein sollen, ist angesichts des vermutlichen Anzeigenpreises gar keine so große Überraschung mehr. Aber das definitiv Schönste an der ganzen Sache sind die Pseudonyme, unter denen die Damen operieren. Die muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen:
  • Salomé Balthus
  • Elsa Eliot
  • Thalia Friedell (!!!)
  • Judith Laurentius
  • Stella Lichtenberg
  • Ariane Maybach (!!!)
  • Victoria Monteverdi
  • Clara Morgenstern
  • Gwendolyn Nightwood
  • Sharon Novalis (!!!)
  • Paloma da Ponte
  • Josephine Swanson
  • Serena Vermeer
Kann denn irgend ein potenzieller Kunde diese Homepage besuchen, ohne gleich am Boden zu liegen? Eine Seite, die derartig prätenziös daherkommt und sich auf so unglaublich elegante Weise ins Knie schießt, habe ich auch noch nicht gesehen. Übrigens: Man konnte anscheinend zumindest früher mal bei diesem Laden Sex mit Marlene Lessing haben. MARLENE LESSING. I rest my case.
mega-lol! thanks for making my day! (an anonymous guest)

Sonntag, 7. November 2010

genderfail

Nachdem ich den Titel bei einer überwältigend psychologInnendominierten Party aufgeschnappt hatte, habe ich jetzt begonnen, mir das HBO-Psychotherapie-Kammerspiel »In Treatment« anzuschauen. Zur Serie selbst möchte ich gar nicht viel sagen, mir ist nur aufgefallen, dass die NY Times in ihrer Kritik zum Serienstart 2008 die Ärztin Laura mal eben in »hospital worker« umgewidmet hat. Was ist das unangehmere Szenario? Dass die Rezensentin die ganz eindeutige und mehrfache Bezeichnung Lauras als »doctor« durch andere und durch sie selbst nicht mitbekommen hat? Oder dass sie, bewusst oder unbewusst, einen Oberbegriff verwendet, den man nicht als grundfalsch bezeichnen kann, aber bei dem das Publikum ganz sicher eher an eine Schwester denken wird, vielleicht, weil es einer Krankenschwester im medialen Unterbewusstsein ähnlicher sieht, Sex mit älteren, verheirateten Männern zu wollen oder zu haben als einer Ärztin?